UNSICHTBARES LEBEN

Die Virtualität durchdringt die Realität, Erfundenes wird bedeutender als das Tatsächliche, Fiktion und Wahrheit verschmelzen. Der radikale Kulturbruch, den Internet und Computerwelt ausgelöst haben, führt zu einer Derealisierung, die eine Singularität in der Menschheitsgeschichte darstellt. Chance oder Bedrohung? Erlösung oder Fiasko?  Steht ein Epochensprung bevor?

Geschwindigkeit, Aufhebung der temporalen Schwelle (Gleichzeitigkeit), Überspringen der Realität und Verschmelzung mit der virtuellen Ebene: überall sein, total, urplötzlich und mittendrin. Immer. Grenzenlos, unüberschaubar und maßlos (zugleich stets erfassbar) ist das Universum virtuellen Erlebens, ausgedehnt und endlos die Stichwortkette, mit der Faszination und Magie einer Sphäre, für die uns die rechte Grammatik fehlt und die allenfalls auf der abstrakten Ebene eingeholt werden kann: aus nächster Nähe, allseits, unsterblich, abgrundtief wie uferlos aufstrebend; ozeanisch und doch symbiotisch, heroisch und zugleich risikofrei; bodenlos aber unverwüstlich jenseits von Zeit und Raum. Absolut? Emotionale Verdichtung, Perfektionierung der Jetzt-Zeit, Fusion von Objekt- und Subjektwelt – das alles geht Hand in Hand. Ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit?

Erlösung oder Fiasko?

Die bizarre Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der virtuellen Welt löst Irritationen, Ängste und Vorbehalte, im besten Fall Hoffnungen aus, gewiß jedoch keine Heilserwartungen. Die Negativliste ist lang: soziale Verwerfungen, suchtmachende Tendenzen, moralische Demenz, Verlust der Orientierung – Overkill. Aber könnte sich nicht, sofern man die Dinge vom Ende betrachtet, losgelöst von Sehgewohnheiten und vorprogrammierten Routen, ein gänzlich anderes Bild ergeben? Mit Denkmustern, die auf gängige Zeitläufe ausgerichtet ist, vermögen wir nicht den Punkt anzuvisieren, der ein schlüssiges Gesamtbild ergibt; hier reichen weder Jahre noch Dekaden, nicht einmal ein Jahrhundert. Die zeitliche Distanz dürfte vierstellig sein.

Zukunft verstehen, Gegenwart überwinden

Doch welches Fernrohr ist zur Hand? Auch wenn solche Fixpunkte kaum einsehbar sind, die Frage, wozu der Blick auf ein ungreifbar fernes Zeitalter dienen soll, hat der Futurologe Herman Kahn mit einem ebenso verstörenden wie motivierenden Satz beantwortet: « Aus der Vergangenheit kann jeder lernen. Heute kommt es darauf an, aus der Zukunft zu lernen.» Jeder Umbruch, jede Neuordnung des Bestehenden, jede Veränderung, welche die Maßstäbe essentiell verschiebt, setzt Mechanismen in Gang, die durch den Bruch mit Tradition und Gewohnheit Schmerzimpulse hervorrufen, deren Gift nur die Zukunft neutralisieren kann. Die Störgeräusche und Unwägbarkeiten bei der Überbrückung zeitlicher Distanzen, die eine ganze Ära überspannen, sind freilich gewaltig, und die Entscheidung, welche Parameter bei diesem Konzentrationsprozeß der Beobachtung maßgebend sind, ist nicht unproblematisch. Jeder Blick durchs Fernglas, mag er noch so weit nach vorne tragen, ist stets auch ein Blick zurück…

Auflösen bestehender, Auffinden höherer Ordnungen

Die perspektivische Genese menschlicher Erkenntnis verläuft in den Grenzen der Körperlichkeit, die sich auf dem Rückzug befindet. Die «relative Rückentwicklung» (Gehlen) ist als Fortschritt zu begreifen auf dem Weg zur Entkörperlichung. Der «technische Angriff auf den Menschen durch synthetische Erzeugung des Lebendigen» (Volkmann-Schluck), den wir in der Jetztphase erleben, stellt eine Zwischenstufe dar. Diese Ebene ist durch einen Anstieg der «Komplexität der Möglichkeitsspielräume» gekennzeichnet, die auf einen Overkill zusteuern. Noch ist der Punkt nicht erreicht, an dem sich die Eigendynamik der innovativen Entwicklungen an der Wirklichkeit bricht. Allerdings ist ein Erlahmen der Kräfte spürbar: Quantität schlägt Qualität. Um ihre Handlungsfähigkeit nicht einzubüßen, benötigt die Menschheit im Verlauf dieser Phase ein epochales Update. Die weltweite Vernetzung bereitet diesen Sprung vor. Mit dem Sprung wird das Dasein aus dem bislang gültigen Kontext gerissen und auf eine neue Seinsebene gehoben.

Mutation der Menschheit

In der Zwischenphase, die diesen Sprung vorbereitet, treten im Informationskanal Störungen auf, die neu sind (Overkill-Schleifen). Zur Zeit lassen sich diese Schleifen noch durch entsprechende Innovationsschübe stabilisieren, allerdings ist bereits erkennbar, daß immer mehr Innovation für immer weniger Output benötigt wird. Während die Computersteuerung zur Unterstützung der Mondmissionen in den 60igern unter der Kapazität des ersten Smartphones lag, dient der sprunghafte Zuwachs an Kapazitäten heutiger Tage lediglich der Bewahrung und Optimierung des Bestehenden und reicht nicht mehr aus, um den Radius signifikant auszudehnen. Die Ziele verschwinden. An der Stelle nun, wo die Redundanzen dieser Entwicklung die Substanz dominieren und die Innovationen das Störfeuer nicht mehr einholen können, verliert der Kanal seine Stabilität: der Horizont kippt, Selbstreferenz und Weltreferenz fallen ineinander, Sinnbezüge verschwinden. Dies ist die eigentliche Chance der Menschheit: Bezugssysteme entfallen, Bedeutung wird irrelevant, der Kontext löst sich auf. Der neue Möglichkeitsraum ist die Einheit der Vielfalt. Damit wird das bisherige Sinnkonzept hinfällig. Zeit verschwindet. Körperlichkeit entfällt. Ewigkeit wird erreicht.

Das Internet ist die epochale Stufe zum Sprung in die Entkörperlichung des Menschen im Diesseits.