Das Werkzeug des Relativismus: Sprache als Mittel zur Distanz

Hin und her getrieben vom Widerstreit der Meinungen, der durch die Herrschaft der Stärkeren bestimmt wird, scheint die Moderne ihren moralischen Kompaß zu verlieren. Die Privatisierung der Wahrheit hat zur Tyrannei von Denkmoden und einer falsch verstandenen Toleranz geführt, das Absolute wurde zur Verhandlungssache herabgestuft, und Erkenntnis ist zum Spielball der Beliebigkeit geworden. Schon wer die Frage nach der Wahrheit stellt, gilt heutzutage als Sektierer. Doch Wahrheit und Freiheit gehören untrennbar zusammen.

Repressiver Moralersatz: Die Tyrannei der Toleranz

Kern des neuen Demokratieverständnisses ist die Doktrin, auf jeglichen Wahrheitsanspruch zu verzichten, um ein Abdriften in die Willkürherrschaft zu vermeiden. Es wird behauptet, daß unbedingte Überzeugungen intolerant sind, weil sie andere Überzeugungen für falsch halten. Dieser neue Begriff von «Toleranz» verbietet es, Überzeugungen zu haben, «weil diese per definitionem intolerant sind» (Spaemann). «Damit kippt der ganze Wertekanon», denn die wahre Toleranz respektiert Überzeugungen, während das vorgeschobene Toleranzverständnis den Anspruch auf Liberalität verhöhnt, indem es den Begriff, mit dem es vordergründig punktet, ad absurdum führt: die Tyrannei der Toleranz ist der Inbegriff der Intoleranz.

Aushöhlung der Demokratie

Doch das «Bestehen einer Spannung zwischen Wahrheit und Freiheit ist die notwendige Eigenschaft eines demokratischen Systems» (Armin Schwibach), die nicht durch Auslöschung der Wahrheit oder Aufhebung der Freiheit überwunden werden darf; «Wahrheit und Freiheit sind untrennbar aufeinander bezogen: Wahrheit läßt frei sein. Freiheit läßt Wahrheit erkennen.» Eine echte Demokratie muß sich auf ihre nichtdemokratischen Grundlagen besinnen, denn nicht die Gegebenheit absoluter Wahrheitsansprüche bedroht die Demokratie und die Freiheit des Einzelnen, sondern Leugnung und Bekämpfung solcher Ansprüche. «Der als demokratischer Schutzwall forcierte Relativismus offenbart sich als der Vater der Zerstörung jeder wahren demokratischen Form der zivilen Selbstverwirklichung einer Gesellschaft und ihrer Glieder.» Denn ohne eine objektive sittliche Verankerung kann die Demokratie keinen stabilen Frieden sicherstellen (Johannes Paul II.); die Toleranz und Achtung unter den Völkern setzt die Stabilität und Konsistenz eines ethisch gegründeten Volkswillens voraus.

Neusprech – der Nebel der Säkularisierung

Der kollektive Druck, mit dem der Relativismus die Gewissen der Menschheit infiltriert, «schwächt und lähmt  anscheinend auch die Menschen guten Willens» (Benedikt VXI.). Hierbei spielen die Medien als das «Sprachrohr des wirtschaftlichen Materialismus und des ethischen Relativismus» eine zentrale Rolle:  Um die Kommunikation und das Denken der Bevölkerung in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken, wurde in den letzten Jahrzehnten die Sprache künstlich verändert, Tarnwörter wurden eingeführt, «das Bedeutungsspektrum der Wörter verringert» (Wikipedia) oder gar ins Gegenteil verkehrt. Toleranz, Krieg, Gerechtigkeit, Liebe – kaum ein Schlüsselwort wurde verschont. Unfreiheit wird zur Freiheit verklärt, Freiheit wird als Unfreiheit diffamiert: Um frei zu sein, müsse sich das individuelle Gewissen der Bezüge zur Tradition entledigen wie auch der Bezüge, die auf Vernunft gegründet sind. «So hört das Gewissen, das ein auf die Wahrheit der Dinge ausgerichteter Akt der Vernunft ist, auf, Licht zu sein, und wird ein einfacher Hintergrund, auf den die Mediengesellschaft die widersprüchlichsten Bilder und Impulse projiziert.» (Benedikt XVI.)

Diskreditierung der Wahrheit – Diskreditierung des Guten

Wer der Unwahrheit zur Verbindlichkeit verhelfen will, steht vor dem Problem, daß die Argumente, welche am Wege liegen, stets der Wahrheit dienen. Um dennoch zum Ziel zu gelangen, werden Irrwege eingeschlagen und die Sprache soweit verbogen, daß der «Anspruch» zum Ergebnis paßt. Das ist die Aufgabe des Relativismus. Moralische Grundpfeiler wie Wahrheit oder Gerechtigkeit werden a priori herabgesetzt, indem entweder der Anspruch verspottet oder im Kreuzfeuer vulgärer Automatismen jeder Versuch, sich ihm zu nähern, im Keim erstickt wird: «Wer kennt schon die ganze Wahrheit!» «Gerechtigkeit – gibt es die überhaupt?»

Die Neusprache des ethischen Relativismus fußt auf dem säkularen Katagorieapparat der dahinter stehenden schlechten Philosophie einer Elite, die nichts unversucht läßt, um die Sehnsucht nach Erkenntnis zu unterwandern und die Interessen der Schwachen in brutaler Weise zurückzudrängen. Diese Entwicklung verlangt, um ihr Endziel nicht zu gefährden, nach einer neuen «sittlichen» Orientierung «und damit verbunden nach einer neuen Sprache. Falschwörter [Humankapital, Schwangerschaftsabbruch, Peanuts – Anm. des Verf.] führen zu den in der Sprache verdrängten, aber letztlich gewünschten Ergebnissen. Die unsichtbare Hand des Geldes formt die Sprache, verändert das Denken und lenkt die Politik. Mit der Verfälschung der Wahrheit beginnt die Zerstörung der Demokratie.» (Oskar Lafontaine) «Das erste Zeichen für den Verfall der Sitten ist die Korruption der Sprache» (Michel de Montaigne), die zu einem Ort der Anpassung geworden ist und mit zunehmend wachsender Tendenz als Gehirnwäsche eingesetzt wird. Mit Tarnwörtern wie  Kollateralschaden/Schurken-staaten/Gezielte Tötung (früher als eiskalter Mord bezeichnet) versinkt das «Problem des Guten» in einer Verdunkelung des Gewissens.

Distanzmuster: Autopilot

Die substanzielle Schwächung der Sprache führt zu einer Schwächung des Geistes und bringt die Freude am Denken ebenso zum Erlöschen wie die Leidenschaft für die «moralische Schönheit» und Klarheit des Gewissens. Mit der Abschaffung der Wahrheit als Transzendenz des Absoluten wird das Hintergrundrauschen einer herannahenden Apokalypse hörbar als das Summen der Sirenen einer auf Autopilot geschalteten Medienwelt. Eine Sprache, die ihrer höheren Bezüge beraubt wurde, verändert die Distanzmuster der Welt und läßt sämtliche Abstände wachsen. Doch wenn sich der Abstand zu den Inhalten des Lebens vergrößert, wächst auch der Abstand zu sich selbst, zur Umwelt und schließlich auch die Distanz zum Göttlichen. Vielleicht wußte das Andy Warhol, der mit seinem berühmten, in den 70igern zu Protokoll gegebenen Statement in ironischer Zuspitzung einen Satz in die Zukunft warf, der nun bei uns angekommen ist: «Ich will eine Maschine sein. Ich glaube, daß jeder eine Maschine sein sollte. Ich möchte, daß jedermann gleich denkt.»

Es bleibt jedoch die Hoffnung, daß mit der Gefahr auch die Gnade wächst und unser Gewissen erleuchtet wird, «um den wahren Wert der Handlungen und die Beschaffenheit der Bewertungskriterien zu erkennen», so daß wir das Gute vom Bösen unterscheiden können – «auch dort, wo das soziale Umfeld, der kulturelle Pluralismus und die sich überschneidenden Interessen nicht von Nutzen sind» (Benedikt XVI.). Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, die Wahrheit zu kennen, wichtig ist nur, die Wahrheit zu lieben. Wer die Erkenntnis ehrt, wird sie erlangen; wer sie aber nicht ehrt, wird sie auch dort verfehlen, wo er über sie verfügt.

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Benedikt XVI.: «Die Bildung eines wahren und rechten Gewissens, ein unverzichtbares Unterfangen» –Ansprache an Mitglieder der Päpstlichen Akademie für das Leben (24. Februar 2007)

Armin Schwibach: «Der Relativismus schwächt die Demokratie» – www.zenit.org, 2010

Robert Spaemann: «Schritte über uns hinaus»/Aufsatz: «Wahrheit und Freiheit» – Klett-Cotta, 2010

Oskar Lafontaine: «Politik für alle» – Econ-Verlag, 2005