Mark Rinasky

Kommentare – Wahnsinn – Links. Alles in Echtzeit.

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Das Baby war gesund und eindeutig ein Mädchen. Niemand hätte vorauswissen können, daß es sich um ein Mischwesen handelte: Der Körper bestand aus Zellen verschiedener Herkunft; offenbar waren «zwei der insgesamt drei nach der Reagenzglasbefruchtung übertragenen Embryonen – ein weiblicher und ein männlicher – in der Gebärmutter miteinander verschmolzen». Eine Vermutung, mit der ein FAZ-Reporter an die Öffentlichkeit trat, allerdings erst fünf Jahre später.
Das Vorhandensein weiblicher und männlicher Kernschleifen auf der 45. Chromosomenebene hatte sich erst über den Umweg einer molekulargenetischen Untersuchung ergeben, für die in den ersten Lebensjahren kein Anlaß bestand. Der Säugling war zwar kräftiger und hungriger als alle übrigen auf der Station, doch das bestätigte den Befund nur: Das Baby war gesund. Außerdem war es schön, «ultimativ schön» sogar; die Verwendung der zitierten Wortkombination konnte sich dank einer Unzahl von Überlieferungen von Datenträger zu Datenträger bis zur Jetztzeit mogeln, indes sich auf einer der beiden Ablichtungen, die uns im Zuge der Recherche zugespielt worden waren, die Schikane der Fotografie von ihrer schlimmsten Seite zeigte …

Ankunft

Tiefoben, im letzten Drittel einer weitläufigen Gebirgskette, wechselte die Natur ihre Gestalt, von Menschen geformte Strukturen bildeten ein bewegungsloses Band, das auf der Höhe eines von Wolken flankierten Gipfels über sich selbst hinaus zu ragen schien. 99 sah wieder auf die Fahrbahn. «Womöglich doch nur eine Kathedrale aus Hausteinen», dachte er, den Moment, wo seine Vermutung Gewißheit werden sollte, bereits vor Augen.

Eine engspurige, zu dieser Stunde allein von 99 befahrene Straße, zog sich in Schlangenlinien empor und führte durch einen Wald, der sich weit oberhalb der Fahrbahn zu einem dichten Netz zusammen geschlossen hatte, durch das nur hier und da ein Lichtstrahl drang. 99 schaltete die Scheinwerfer an, als er in der Ferne die Umrisse einer Person zu erkennen glaubte, die jetzt, vom Lichtkegel getroffen, ihren Körper herum warf und ihre Rechte schützend über die Augen hielt. «Vielleicht jemand aus der Stadt», dachte 99 und drosselte das Tempo.

Langsam, beinahe in Schrittgeschwindigkeit, näherte sich der Wagen dem Punkt, an dem die Person, in welcher 99 nun eine Frau erkannte, stehen geblieben war. 99 dachte nicht daran, daß seine Fahrweise verdächtig erscheinen mußte, zumal die Unbekannte seine Gedanken über eine Geste, die zum Anhalten aufforderte, in andere Bahnen lenkte: «Wieso gehst du halbnackt spazieren? Es ist Herbst! Oder spielst du Komödie? Wenn ja: für wen?!» 99 stoppte.

Zwei bis drei Wagenlängen von der Unbekannten entfernt, trat 99, dessen Neugierde in Mißtrauen umgeschlagen war, zögernd ins Freie. Sein Atem wurde sichtbar und schob sich in kurzen Schüben ins Dämmerlicht des Morgens, das wie aufgehängt zwischen den Enden des Waldes vor seinen Blicken schwebte.

Grau, schwarz-weiß: Regen. Es war Zukunft. Der Himmel hing wie eine Attrappe über der Stadt, und die Zeiger der Uhren liefen auf Touren: Autos hupten, Kinderschreie drangen aus geöffneten Fenstern – Schüsse fielen. Ein ganz normaler Augusttag im Jahre X, ein Jahr mit dreizehn Monden. Berlin. Aufblende: Steve Leife stieg aus dem goldenen Rahmen, klopfte den Staub von seinen Schultern und riskierte eine Sprechprobe: «Living Apart Together». Halleffekt: «Getrenntes Zusammenleben». «Na, prima», stammelte der Rechner. Steve nickte. Der Alltag des 21. Jahrhunderts war ihm verhaßt. Steve hatte eine Aversion gegen ferne Regionen – Zonen, in denen der Alltag noch auf drei Dimensionen lief. Schrott in 3D. Und weg. Steve mochte keine Distanzen. Und er mochte auch keinen Staub: Gespenster, die alphabetisch auf der Lauer lagen, um sich unter seiner Obhut in obskure Textgebilde zu verwandeln. Geflüster! «Ein verwegener Einbruch in die monotonen Gefilde zeitgenössischer Zeremonien», plapperte die Konsole. Aber waren Reden, insbesondere solche, die ernstgemeint waren, nicht out?

Welt in 16 Farben

Max bog in die kleine Straße ein.
«Was soll ich machen? Ich lebe jetzt mein Leben, hier im Verlag. Ich muß noch 25 Jahre arbeiten, dann bin ich durch damit.» 30 km/h.
«Vielleicht kommt ja mal was Besseres», wandte Marie, die Frau an seiner Seite, finster ein. Sie wußte nicht, was das sein würde: Schrott?
Max parkte.
«Was wird besser sein? Sag es mir. Ich will es wissen.» Seine Gesichtszüge signalisierten Hilflosigkeit, einen Wert, den ihre Reflexe zurückwiesen:
«Reiß dich zusammen!» Ihr Atem ging flach und stoßweise, ihr Blick kippte ins Leere. Max beschloß, eine Initiative zu schalten; Distanzausblendung/kurzer Schwenk – Max vollzog eine Drehung um 90 Grad: Ein Blickkontakt, in dem sich zwei Welten spiegelten, bahnte sich an – eine sinnlose Perspektive; die Hoffnung, eine Schnittstelle und damit die Möglichkeit einer Annäherung zu finden, bot zwar nach Maxens Lesart eine Nische, an die er glaubte, doch nur, weil es sonst nichts gab, an das er hätte glauben können. Daß es in den Augen seiner Partnerin für Glaubenssätze, die auf Hoffnung beruhten, keinen Spielraum gab – diese Einsicht hätte ihm wenig geholfen. Als Repräsentantin einer Kaste, die das Realitätsprinzip verkörperte, stand sie den Gesetzen von Grund auf näher als ihre Gegenspieler – Männer, die das System analysierten, anstatt es zu begreifen. Um es mit einem Wort zu sagen, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas nüchtern klingt: Abstraktionen beruhten auf Legenden und Legenden konnten den Ursprung, der ihnen vorauseilte, niemals einholen. Der eigentliche Fehler umriß daher kein Phänomen, das von der Wahl des Weges, auf dem sich Reflexion vollzog, abhieng, sondern die Sache selbst, der Glaube also, daß es die Wege sind, die zu Antworten führen – das war der Fehler, das Denken schlechthin/ein Schnitt:
«Ich denke oberflächlich aber blicke tief!», scherzte sie und fügte lachend hinzu: «Liebe ist Funktion.» Augenaufschlag. Sie sah in den Spiegel. Max, in seiner Ausgangslage verharrend, fixierte das Verlagsgebäude. Ob sie es ernst meinte? Und er – wollte er die Wahrheit überhaupt wissen?! Die Antwort muß offen bleiben; im Geflecht aus Lug und Trug, das den Geschlechterkampf durchherrschte, die Übersicht zu wahren und zu ergründen, was am Ende tatsächlich gedacht wurde, entzog sich den Möglichkeiten einer dem Untergang geweihten Epoche. Es war kurz vor Zwölf.
«Blablabla», buchstabierte Max. Marie wandte sich ab und öffnete die Wagentür. Sekundentakt – Max folgte …
Vom Wagen aus quer über den Parkplatz ein Stück an der Verlagsfront entlang über die erste Schwelle hinweg und vom Lift in die dritte Etage gehoben, durchliefen sie eine Kette von Verzweigungen, die sich dreidimensional in Szene setzte und schließlich in die gähnende Leere eines Flures führte – dem Bureau des Cheflektors entgegen. Dumpfes Neonlicht.
«Magst du Beerdigungen?», fragte Max. Marie bejahte den Quatsch. Das Ambiente, dem sie sich verschrieben hatten, war teuer. Und fies. Max blickte zu Boden, sein fliehender Schatten eilte ihm voraus: zack! zack!
«Soll ich klopfen oder gegen die Tür treten?», wollte er wissen. Marie wechselte die Seite und beantwortete die Frage lautlos; Distanz ein Meter/Schriftzug: Kiss. Die Karikatur eines Gongschlags bohrte sich durch die Mitte. Sie traten ein.

Kurz vor Ewigkeit

Irgendjemand hatte die Parameter des Lebens verändert, die Jahreszeiten wechselten schneller als Tag und Nacht, und es gab Menschen, die sich selbst in der Vergangenheit begegneten. Unbefugtes Leben verboten. Der Titel war verwirrend, und meine Gedanken buchstabierten: Fenster zum Himmel. Ich hatte mich mal wieder überreden lassen, ins Kino zu gehen, und da mir der Film nicht gefiel, dachte ich mir alternative Titel aus. 31. November: Zu intellektuell. Das letzte Blatt: Zu sentimental. Ich wäre dem Leben auf der Leinwand gerne ausgewichen, aber neben mir saßen zwei Kollegen, die ich nicht im Stich lassen durfte. Abgeriegelte Bilder. Ich war neu hier und wollte niemanden vor den Kopf stoßen. Außerdem spielte Ritschie Müller eine Hauptrolle in der Kindheit seiner Mutter: Kurzer Applaus. (10/2002)

Eine Art Einleitung

Etuikleid, Samthandschuhe. Dabei wäre ich mit einem Streichholz zufrieden gewesen. «Ist Ihnen nicht kalt?», fragte ich und berührte ihre Schultern. «Es laufen zu viele Realisten herum», sagte 17 wie aus Versehen. Ich küßte sie auf den Mund. Ein Scheinwerfer erfaßte uns für den Bruchteil einer Sekunde. Dann: Ein kurzes Kichern. «Was war das?», fragte ich, mit dem Gesicht so nah bei ihr, daß die folgenden Worte direkt in mich hinein fielen: «Die Liebe», sagte sie. Nun zog sie mich in ihre Umarmung und wieder wurde ich vom Blinkfeuer einer mir unbekannten Quelle geblendet. Keine Notbeleuchtung, viel Weiß. «Bist Du schon einmal ohnmächtig geworden – beim Küssen?», fragte 17 ohne Worte. Halleffekt. Oder fragte ich? Die Vertonung unserer Gedanken erfolgte im Livetakt. Auch alles übrige geschah in seltsam ungewohnter Harmonie, formvollendet, distanzlos. Zu virtuos für ein Paar, daß sich erst seit ein paar Sekunden kannte? Zu schön? Augenaufschlag. 17 lachte. Feuer? (06/2008) 

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