Mark Rinasky

Kommentare – Wahnsinn – Links. Alles in Echtzeit.

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Es laufen doch recht viele Damen hier herum, sogar Kleider, Röcke und Haarspangen tragen einige. Sind sie hübsch? Sind sie interessant? Sind sie überhaupt echt? Ich weiß es nicht, und, ganz wichtig, ich will es auch nicht wissen: denn ich sehe immer nur Dich. Und solange ich Dich nicht in einem der Gesichter entdecken kann, verschwimmt es ohnehin im Horizont der Kulissen. Wenn aber eine den Hauch eines Wasserzeichens, das auf Dich verweisen könnte, in sich trägt, schaue ich für einen Moment genauer hin, aber nur, weil ich weiß, was dann geschieht, denn kaum, daß ich meine Lupe an sie halte, muß ich sie sogleich wieder fallen lassen. Es war nur eine Attrappe. Wo bist Du?

Schicht! Bin wieder daheim, nachdem ich quer durch Deutschland und zurück geradelt bin, von West nach Ost über Nord nach Süd – überall den üblichen Plunder abwerfend: Osterhasen, Schoko-Gold und echte Scheine. Am kältesten war es auf den ostfriesischen Inseln, wo ich kurz als Nikolaus aufgetreten bin, was sehr lustig war, denn einige Kinder haben mich mit Weihnachtsliedern beworfen. Schnell war ich wieder auf dem Festland, wo ich mehr rutschend als fahrend durchs Land gedüst bin – Hoppla! –, immer auf der Suche nach dem großen Licht in der Stadt, das sich ja meistens auf dem Land versteckt hält. Hier habe ich auch ein Abziehbild von Dir gefunden, das an so vielen Stellen verteilt wird, seit Du dem stillen Leben Abschied gewunken hast. Voller Wehmut sehnt man sich nach jener Zeit zurück, wo das Rauschen Deines Haars jedes Fest übertönte. «Du. Immer.» Das Motto dieses Osterfestes. Das Motto dieses Jahres. Das Motto unserer Liebe. Deshalb habe ich es auch auf jedes Haus geschrieben, verziert mit Deinem Namen. Schau aus dem Fenster! 

Der Tweet

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Spiegelplatz, erste Seitenstraße – der Wagen sauste raketenhaft in die Kurve. Eine schrille Frequenz schob sich in die Nacht. Und weiter. Eine kompromißlose Verfolgung. Doch es war kein anderes Auto, dem unsere Helden anhingen. Autorennen waren out. Und fies. Das Zielobjekt hingegen gehörte zum Kostbarsten, was der Abend zu bieten hatte: ein Spruch knapp unterhalb des 140iger-Limits; bereit, in die Welt geschickt zu werden, bereit, die Herzen der auf Langweile Programmierten zu erfrischen. Ein Tweet.

Das operettenhafte Getue der Wortkombination war der Stunde geschuldet, nicht dem Inhalt. Der Samstagabend hing wie eine Attrappe über der Stadt. Um das Klischee in der Wirklichkeit zu ersticken, mußte alles noch komischer wirken als gewöhnlich. Geisterstunde? Mit geradezu groteskem Eifer entzog sich der Tweet dem Zugriff. Höchstgeschwindigkeit. Die Verfolger kreischten. Distanz: ein Meter.

Da sprang die Kombi aus dem Lauf über die Straßenflucht hinweg Richtung Häuserzeile bis zur ersten Etage eines Hotels empor, wo ein einsamer Server kichernd seine Runden drehte. Und rein. Durch die endlosen Weiten elektrischer Sphären bahnte sich der Tweet seinen Weg Richtung Timeline. Die Tweetpolizei folgte.

Zu spät. Die TL-Schwelle lag hinter ihm, als sich die Verfolger, zwei Marionetten in pink, auflösten: geschafft, gesendet – kursiv: «Umgib Dich mit wilden Tieren, aus deren Klauen ich Dich rette, um selbst zu sterben, damit Du weißt, daß ich Dich liebe.»
Retweet!

30 Minuten Wahnsinn

Die Gemütslage einer Familie läßt sich recht gut am Mittagstisch studieren. Auf engstem Raum vereint, gleichgesinnt in der Zielrichtung, und, sozusagen gegenläufig zum stillen Zwang, von dem diese Zusammenkunft beseelt ist, mit den besten Absichten ausgestattet, feiert man eine zeitlich begrenzte Initiative. Die bisweilen konträren Befindlichkeiten der Anwesenden, die das Familienleben gewöhnlich beschweren, spielen hier eine untergeordnete Rolle. Das Ziel verbindet, das Verlangen überbrückt. «Guten Appetit!»

Sonnenschein erfüllte die Instrumente in mehreren Reihen und schaltete die Kamera ein, als ein Alptraum, elektrisch versilbert, aus der Straße fiel: das einundzwanzigste Jahrhundert auf Stelzen.

Autos flogen über ihren Ausgangspunkt über die Decken der Welt zurück in die Stadt, Kaskaden aus geschmolzenem Grapefruit explodierten im Dreck. Menschenleer!

Selbst die Elemente der Stunde protestierten und eine Nonne eskalierte: «Mehr!» Doch ein Kartenspiel tickte dazwischen. Geknatter!
Flammen rosteten in Tiefkühltruhen, die Industrie stockte in Konserven – das Leitungsnetz schluckte Bruchglas. Verrat!

Neuankömmlinge verrotteten. Und Du? Seine schlanken Finger tippten Fetzen einer Störung nieder: Niederlage und Verhängnis purzelten ins Neon und wirbelten Berge aus den Instrumenten hervor. Kamera!

Eine auf höchste Leistung murmelnde Struktur trug ihn auf die Höhe eines Stops. Allein das Frühstück kam zu spät: das Jahrhundert türmte. Hier!
Aus geborstenen Bürgersteigen tropfte Lachs zum Ufer der Stadt. Und lachte. Auch der Sonnenschein lachte jetzt aus Fassaden. Da!
Nur die Kanäle lachten nicht: hihi. Kein Aber: kein Freispiel. Die Vielfalt war verpfuscht. Und das System rülpste sich an Feldern vorbei zum Garten in die Garage zurück. Prüderie!

Nichts funktionierte mehr.

Menschenleer.


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