Mark Rinasky

Kommentare – Wahnsinn – Links. Alles in Echtzeit.

Der Tweet

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Spiegelplatz, erste Seitenstraße – der Wagen sauste raketenhaft in die Kurve. Eine schrille Frequenz schob sich in die Nacht. Und weiter. Eine kompromißlose Verfolgung. Doch es war kein anderes Auto, dem unsere Helden anhingen. Autorennen waren out. Und fies. Das Zielobjekt hingegen gehörte zum Kostbarsten, was der Abend zu bieten hatte: ein Spruch knapp unterhalb des 140iger-Limits; bereit, in die Welt geschickt zu werden, bereit, die Herzen der auf Langweile Programmierten zu erfrischen. Ein Tweet.

Das operettenhafte Getue der Wortkombination war der Stunde geschuldet, nicht dem Inhalt. Der Samstagabend hing wie eine Attrappe über der Stadt. Um das Klischee in der Wirklichkeit zu ersticken, mußte alles noch komischer wirken als gewöhnlich. Geisterstunde? Mit geradezu groteskem Eifer entzog sich der Tweet dem Zugriff. Höchstgeschwindigkeit. Die Verfolger kreischten. Distanz: ein Meter.

Da sprang die Kombi aus dem Lauf über die Straßenflucht hinweg Richtung Häuserzeile bis zur ersten Etage eines Hotels empor, wo ein einsamer Server kichernd seine Runden drehte. Und rein. Durch die endlosen Weiten elektrischer Sphären bahnte sich der Tweet seinen Weg Richtung Timeline. Die Tweetpolizei folgte.

Zu spät. Die TL-Schwelle lag hinter ihm, als sich die Verfolger, zwei Marionetten in pink, auflösten: geschafft, gesendet – kursiv: «Umgib Dich mit wilden Tieren, aus deren Klauen ich Dich rette, um selbst zu sterben, damit Du weißt, daß ich Dich liebe.»
Retweet!

Unser Klassenlehrer, Herr K., gehörte zu den wenigen Lehrern, die einen Anzug trugen. Er fehlte nie, war immer pünktlich, und es schien, als wachte er mit gewissenhafter Strenge nicht nur über seine Schüler, sondern vor allem über sich selbst. Jedenfalls war das unser erster Eindruck. Doch schon sehr bald stellte sich heraus, daß Herr K. einen Nervenarzt hätte aufsuchen müssen: seine Wutanfälle hatten etwas Pathologisches.
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Unberechenbar

Wir haben uns oft gefragt, wie ein einziger Mensch soviel Groll in sich versammeln kann; im Klassenraum spielten sich schier unglaubliche Szenen ab: Wenn Herr K. einen seiner Anfälle hatte, flogen auch schon einmal Kugelschreiber und Bücher durch die Gegend. Gebrüllt wurde jede zweite Schulstunde, in besseren Zeiten nur einmal pro Woche; dann aber so laut, daß wir manchmal dachten, der Mann müsse gleich sterben. Dabei war es vollkommen unmöglich, seine Anfälle vorauszusehen, bisweilen genügte ein nichtiger Anlaß, um ihn aus der Bahn zu werfen. Würde er irgendwann womöglich zuschlagen? Oder tatsächlich im Klassenzimmer sterben? Wir hatten Angst um/vor ihm.

Rebellion

Um die Hilflosigkeit, mit der wir dem Treiben unseres Klassenlehrers ausgeliefert waren, besser zu ertragen, rebellierten wir, und unsere Rebellion nahm im Verlauf der beiden Schuljahre, wo Herr K. unsere Klasse führte, nahezu groteske Formen an. Eine ganze Tube Alleskleber wurde auf dem Lehrerpult ausgedrückt, Vorhänge wurden abgerissen, sogar Schränke verschwanden. Im Klassenbuch fehlten ganze Wochen. Einmal, Herr K. hatte gerade einen neuen Wagen gekauft, gaben wir eine Anzeige in seinem Namen auf – mit Angabe seiner Privatnummer: Notverkauf. Es war ein Mitsubishi Galant. Am nächsten Tag, kaum hatte uns Herr K., irgendetwas auf die Tafel schreibend, den Rücken zugekehrt, rief jemand mit verstellter Stimme flüsternd aber doch deutlich hörbar: «Mitsubishi!» Anschließend riefen sogar mehrere Mitschüler gleichzeitig. Unser Vorgehen war nicht ungefährlich, denn von den Noten hing viel ab. Doch das Bedürfnis, sich gegen die Zustände aufzulehnen, entzog sich dem Verstand: Es war eine Notwendigkeit.

Zerstörung

Das Mitsubishi-Ritual haben wir über viele Monate durchgezogen – mit einer Leidenschaft, die mich heute erstaunt. Man hätte glauben können, es sei unser Ziel gewesen, Herrn K. ins Krankenhaus zu bringen. Das Beängstigende war, daß wir es schafften, uns von Monat zu Monat zu steigern. Dabei war es nicht einmal Haß, den wir für diesen Menschen empfanden, auch keine abgrundtiefe Verachtung, er tat uns sogar leid, und doch war es uns nicht möglich, den Konflikt auf andere Weise auszutragen: Wir mußten den Unterricht zerstören. Es war wie ein Zwang. Eine Sucht. Waren wir auch krank geworden?

Kampf

Einmal habe ich mitten im Unterricht die FAZ aus der Tasche gezogen, sie vor mir ausgeklappt und gelesen. Es war eine Mutprobe. Daß Herr K. ausrasten würde, war klar. Die Frage war nur, konnte ich es schaffen, seiner mit Brüllstimme dahin schmetternden Aufforderung, die Zeitung wegzulegen, so lange zu widerstehen, bis er handgreiflich werden würde, und sei es auch nur in der Weise, daß er mir die Zeitung aus der Hand riß? War ich mutig genug, um dem Wahnsinn zu widerstehen? Ich hielt durch, allerdings nicht so lange wie ich erhofft hatte. Nach mehrmaliger Aufforderung, das Blatt endlich wegzulegen, kam Herr K. schreiend, außer sich vor Wut näher. Mitschüler berichteten mir später, sie hätten einen Schäferhund gesehen.

Finale

Nur eine Armlänge trennte mich noch von ihm. Plötzlich hob ich meinen Blick weg von der Zeitung und sah ihm direkt in die Augen. Immerhin war ich Klassensprecher, und es ging nun nicht nur um meine, sondern um die Würde der ganzen Klasse. Doch das Risiko, daß der Mann, der sich offenbar nicht mehr unter Kontrolle hatte, handgreiflich werden würde, erschien mir plötzlich zu groß. Wie konnten wir die Aktion abbrechen und doch siegen? Ich handelte instinktiv und tat erst einmal nichts, vier, fünf Sekunden vielleicht. Eine Grabesstille brachte den Raum zum Beben, die Anspannung war aufreizend und von einer Intensität, die für alle etwas Belastendes hatte; ein regelrechtes Vakuum wie vor einer Explosion baute sich auf. Unsere Blicke waren starr, unbeweglich – geradezu aneinander gekettet. Nach wie vor hielt ich die Zeitung in den Händen. Schließlich brach ein letzter Moment harten Schweigens an, jedes Nebengeräusch in sich aufsaugend. In dieses Schweigen hinein purzelte jetzt das Knistern der Zeitungsblätter, die ich langsam, wie in Zeitlupe, ja bewegungslos fast, aber voller Hingabe zusammenfaltete und schließlich so ordnete wie sie waren, als ich die Zeitung gekauft hatte. «Mitsubishi!»

Das Baby war gesund und eindeutig ein Mädchen. Niemand hätte vorauswissen können, daß es sich um ein Mischwesen handelte: Der Körper bestand aus Zellen verschiedener Herkunft; offenbar waren «zwei der insgesamt drei nach der Reagenzglasbefruchtung übertragenen Embryonen – ein weiblicher und ein männlicher – in der Gebärmutter miteinander verschmolzen». Eine Vermutung, mit der ein FAZ-Reporter an die Öffentlichkeit trat, allerdings erst fünf Jahre später.
Das Vorhandensein weiblicher und männlicher Kernschleifen auf der 45. Chromosomenebene hatte sich erst über den Umweg einer molekulargenetischen Untersuchung ergeben, für die in den ersten Lebensjahren kein Anlaß bestand. Der Säugling war zwar kräftiger und hungriger als alle übrigen auf der Station, doch das bestätigte den Befund nur: Das Baby war gesund. Außerdem war es schön, «ultimativ schön» sogar; die Verwendung der zitierten Wortkombination konnte sich dank einer Unzahl von Überlieferungen von Datenträger zu Datenträger bis zur Jetztzeit mogeln, indes sich auf einer der beiden Ablichtungen, die uns im Zuge der Recherche zugespielt worden waren, die Schikane der Fotografie von ihrer schlimmsten Seite zeigte …

Tiefoben

im Lichtbogen der Zeit
stehen unsere Uhren auf Abruf bereit
Gebannt im Netzwerk der Ekstasen
erfüllt sich Dasein in der Endlichkeit
Doch dreifach ist der Schritt der Zeit
nur hier auf Erden oder in entfernten Welten
dort, wo andere Limits gelten –
sprich! das Gesetz der Ewigkeit?

LoopLoop from Patrick Bergeron on Vimeo.

Ankunft

Tiefoben, im letzten Drittel einer weitläufigen Gebirgskette, wechselte die Natur ihre Gestalt, von Menschen geformte Strukturen bildeten ein bewegungsloses Band, das auf der Höhe eines von Wolken flankierten Gipfels über sich selbst hinaus zu ragen schien. 99 sah wieder auf die Fahrbahn. «Womöglich doch nur eine Kathedrale aus Hausteinen», dachte er, den Moment, wo seine Vermutung Gewißheit werden sollte, bereits vor Augen.

Eine engspurige, zu dieser Stunde allein von 99 befahrene Straße, zog sich in Schlangenlinien empor und führte durch einen Wald, der sich weit oberhalb der Fahrbahn zu einem dichten Netz zusammen geschlossen hatte, durch das nur hier und da ein Lichtstrahl drang. 99 schaltete die Scheinwerfer an, als er in der Ferne die Umrisse einer Person zu erkennen glaubte, die jetzt, vom Lichtkegel getroffen, ihren Körper herum warf und ihre Rechte schützend über die Augen hielt. «Vielleicht jemand aus der Stadt», dachte 99 und drosselte das Tempo.

Langsam, beinahe in Schrittgeschwindigkeit, näherte sich der Wagen dem Punkt, an dem die Person, in welcher 99 nun eine Frau erkannte, stehen geblieben war. 99 dachte nicht daran, daß seine Fahrweise verdächtig erscheinen mußte, zumal die Unbekannte seine Gedanken über eine Geste, die zum Anhalten aufforderte, in andere Bahnen lenkte: «Wieso gehst du halbnackt spazieren? Es ist Herbst! Oder spielst du Komödie? Wenn ja: für wen?!» 99 stoppte.

Zwei bis drei Wagenlängen von der Unbekannten entfernt, trat 99, dessen Neugierde in Mißtrauen umgeschlagen war, zögernd ins Freie. Sein Atem wurde sichtbar und schob sich in kurzen Schüben ins Dämmerlicht des Morgens, das wie aufgehängt zwischen den Enden des Waldes vor seinen Blicken schwebte.

In Anwendung der charakteristischen Merkmale irdischer Jahreszeiten auf das menschliche Gemüt mag die Frage erlaubt sein, welche Jahreszeit am ehesten über Kanzlereigenschaften verfügt. Es erscheint zunächst unfair, die Jahreszeiten gegeneinander ausspielen zu wollen, doch es geht hier nicht um Sieger und Verlierer. Taugt die eine Jahreszeit zum Reisen, ist die andere für die Arbeit wie geschaffen. Und wer könnte schon reisen ohne zu arbeiten? Oder wachen (Sommer) ohne zu schlafen (Winter). So wie der Priester vom Gläubigen abhängt, braucht der Arzt den Patienten oder der Unternehmer die Putzfrau. Hierbei ist es völlig gleichgültig, daß es mehr Putzfrauen als Unternehmer gibt. Die Einführung von Rängen ist eine Erfindung des Menschen, und da das eine ohne das andere unmöglich ist, spielen Zahlen keine Rolle. Schließlich hat jeder Kanzler einen Frisör. Und so wie es nur einen Kanzler geben kann, so kann auch nur ein einziger Mensch Frisör des Kanzlers sein. Allein die Frage bleibt: Welche Jahreszeit kann nun Kanzler werden?

Viel spricht für den Sommer, allem Anschein nach die beliebteste Jahreszeit. Doch wenn der Sommer wirklich so beliebt ist, warum sind es dann gerade die Sommermonate, in denen die Menschen unser Land in Scharen verlassen? Sie mögen zwar den Sommer, aber wohl kaum im Zusammenhang mit dem Land, für das der Kanzler steht. Außerdem stehen Sommer wie Winter für Extreme, der Kanzler hingegen muß diese Endpunkte überbrücken und in der Mitte stehen, womit nur noch das Frühjahr und der Herbst in Frage kommen. Und dürfte hier nicht das Frühjahr sämtliche Trümpfe in der Hand halten: Aufbruch, Neuanfang – Vorbereitung der wärmsten Zeit des Jahres. Wie keine andere Zeit steht das Frühjahr für Wandlung, Entwicklung und Erneuerung. Begriffe, die den rechten Rahmen geben, aus dessen Zentrum ein jeder Kanzler vergnügt nach vorne blickt. Im Herbst hingegen verfärben sich die Blätter an den Bäumen, bevor sie dann abfallen. Diese Jahreszeit, der Vorbote des langen Winters, steht für das Sterben schlechthin. Und wenn der Winter – über den man, soweit es um denn Kanzler geht, nur soviel wissen muß, daß er in der Rangliste der Kandidaten den letzten Platz einnimmt – ein Freund des Herbstes ist, muß dann nicht auch der Herbst nah beim Winter und damit an vorletzter Stelle stehen?

Dies alles scheint logisch, weil es so einfach ist. Doch schauen wir uns die beiden Jahreszeiten noch einmal genauer an. Mit der steigenden Lichtintensität des Frühlings werden die Glücksstoffe Serotonin und Dopamin vermehrt ausgeschüttet, was zwar ein allgemein besseres Befinden bewirkt, jedoch auch eine leichte Euphorie erzeugen kann. Ferner verstärkt die Frühjahrszeit den Wunsch nach einem Partner bei den meisten Menschen auf eine bisweilen fast animalische Weise. Gegenläufig zu dieser Entwicklung stellt sich bei manchen Menschen die Frühjahrsmüdigkeit ein, deren genaue Ursache bislang ungeklärt ist. Somit steht das Frühjahr auch für eine gewisse Unbeständigkeit. Nicht umsonst sprechen unsere Dichter vom Lenz des Lebens (die Jugend). Und wer im DUDEN nachschlägt, stößt auf folgende Hinweise: «einen sonnigen/schönen/ruhigen/faulen usw. Lenz haben» bzw. schieben, kurz: «ein angenehmes, bequemes Leben bzw. eine leichte, bequeme Arbeit haben.» Nein, das können wir unserem Kanzler nicht zumuten. Das Frühjahr, soviele gute Eigenschaften es auch in sich vereint, es darf nicht Kanzler werden, zu stark kooperiert es mit Elementen, die einer erfolgreichen Kanzlerschaft abträglich sind, mit den Elementen der Ausschweifung und des Wankelmuts nämlich. Damit steht fest: Der Herbst muß es richten. Er muß Kanzler werden.

Doch dieser Befund ist nicht nur dem kalten Gesetz der Ausschlußdiagnose geschuldet, wir hätten auch auf anderen Wegen zum Herbst kommen können; in näherer Betrachtung dieser Jahreszeit wissen wir auch warum. Wie wir bei unserem so geliebten Internet-Lexikon Wikipedia erfahren, ist das «Wort Herbst verwand mit engl. harvest, lat. carpere (= pflücken, Ernte) und griech. karpós (Frucht, Ertrag.) Es kommt von indogerm. sker (= schneiden). Ursprünglich bedeutete Herbst [also] ‹Zeit der Früchte›, ‹Zeit des Pflückens›, ‹Erntezeit›». Und wer anders als der Kanzler sollte als Repräsentant dieser wichtigen Zeit die Dinge richten und, wenn man bedenkt, daß im Herbst die Umstellung der Uhrzeit von der Sommer- (Menschenzeit) auf die normale (göttliche) Zeit vorgenommen wird, das Richtige vom Falschen scheiden? Es geht um nicht weniger als um das Ganze: zur Ewigkeit zurückzufinden. Und das kann nur der Herbst wie uns der Leutnant, ein Freund der Familie, gestern in Versform bestätigen konnte:

Kurz vor Ewigkeit
[Sonnenuntergang/Herbst-Winter]

Ein letzter Schein noch nicht im Grund verborgener Helle
über die das Band des Dunkels wie verschwebend sich zum Ganzen schließt
hebt noch im Sturz die Glut des Tages hoch zu jener Stelle
wo unter einem sanften Schimmer Gruß und Abschied ineinander fließt.

Und wo in fein gespannter Anmut Herbst und Winter zueinander flieht
hebt bald im Sturz ein Schein noch nicht im Sein verborgener Helle
die Glut des Jahres herab zu jener zeitlos ewig unerreichten Stelle
an der das Band des Himmels wie verschwebend sich zur Gänze schließt.

Magie

Dein aufgewehtes Goldhaar flattert im Wind.
Woher kommt der Wind? – alle Fenster sind geschlossen!
Ich sehe Dich an.
Du lachst.

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 Quelle: Picmarks

 

 

 

 

 

 

 

 

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