Mark Rinasky

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UNSICHTBARES LEBEN

Die Virtualität durchdringt die Realität, Erfundenes wird bedeutender als das Tatsächliche, Fiktion und Wahrheit verschmelzen. Der radikale Kulturbruch, den Internet und Computerwelt ausgelöst haben, führt zu einer Derealisierung, die eine Singularität in der Menschheitsgeschichte darstellt. Chance oder Bedrohung? Erlösung oder Fiasko?  Steht ein Epochensprung bevor?

Geschwindigkeit, Aufhebung der temporalen Schwelle (Gleichzeitigkeit), Überspringen der Realität und Verschmelzung mit der virtuellen Ebene: überall sein, total, urplötzlich und mittendrin. Immer. Grenzenlos, unüberschaubar und maßlos (zugleich stets erfassbar) ist das Universum virtuellen Erlebens, ausgedehnt und endlos die Stichwortkette, mit der Faszination und Magie einer Sphäre, für die uns die rechte Grammatik fehlt und die allenfalls auf der abstrakten Ebene eingeholt werden kann: aus nächster Nähe, allseits, unsterblich, abgrundtief wie uferlos aufstrebend; ozeanisch und doch symbiotisch, heroisch und zugleich risikofrei; bodenlos aber unverwüstlich jenseits von Zeit und Raum. Absolut? Emotionale Verdichtung, Perfektionierung der Jetzt-Zeit, Fusion von Objekt- und Subjektwelt – das alles geht Hand in Hand. Ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit? weiter lesen

Hindernis auf Kurs

Raketenhaft hatte das Frühjahr einen Sommertag in die Landschaft geschoben. Das kleine Städtchen, in dem 3Max seit einigen Monaten seine Runden drehte, funkelte wie eine Spiegelscherbe im Mobiliar, und im Ensemble alltäglichen Einerleis agierten die Figuren wie aufgezogen. Uhrzeit: Mitte April.

Nach der Trennung von seiner Frau, die undramatischer verlaufen war als eine Reifenpanne um Mitternacht, hatte 3Max hier einen neuen Anfang gesucht, zuerst als Tourist, nachher als Fremder. Handicap: Autopilot. Es war schwer, diese Einstellung abzustreifen. Vielleicht würde dieser Tag eine Wende bringen. Gutes Wetter war hilfreicher als das beste Horoskop, und wenn eine ganze Jahreszeit übersprungen wurde, war das ein Zeichen. 3Max liebte Zeichen.

O-Ton: «Erlösung und Zuversicht – zwei Worte, ein Tag.» Solche und ähnliche Gedanken flatterten beständig durch die Innenwelt unseres Protagonisten, dessen bürgerlichen Namen wir diskret verschweigen, um seinen Wunschnamen zu nennen. Kurzer Schwenk: «Danke».

Angespornt vom kravallartigen Getue des Volkes, das unbeaufsichtigt durch die Sonnenstrahlen wirbelte, beschloß 3Max, eine Initiative zu schalten. Kurz vor dem Straßencafé, in dem er die meisten Vormittage verbrachte, drehte er ab in Richtung des Berges, der direkt ans Zentrum grenzte und den die Einheimischen «Hügel» nannten. Auf der Suche nach dem großen Licht in der Stadt, hatte er bislang versäumt, die Stadt selbst zu erkunden. Und die Aussicht, die der Berg bot, würde einen Anfang markieren. Pessimisten hätten hier ein Sitcom-Gelächter vernommen. Aber 3Max war Optimist. weiter lesen

Das schwebende Hindernis

Überfallartig hatte sich das Frühjahr in den Morgen geschoben als wollte es den Sommer vorauseilend verdrängen. Es war erst April. Ein fiebriger Schwung hatte die kleine Stadt erfaßt, in der Solies nun schon seit ein paar Wochen wohnte. Nach der Trennung von seiner Frau hatte er hier einen neuen Anfang gesucht. Doch er fühlte sich immer noch als Tourist. Vielleicht würde das jetzt anders werden, das Versprechen von Aufbruch und Neubeginn, das in diesem Morgen lag, markierte offensichtlich einen Wendepunkt. Überall war eine neue Lebhaftigkeit spürbar, wie ausgewechselt schien das Temperament des Volkes. Spannkraft und Eifer, die den öffentlichen Raum füllten, waren geradezu ansteckend. Noch auf dem Weg zum Straßencafé, in dem Solies die Vormittage verbrachte in der Hoffnung auf irgendeine Bekanntschaft oder einfach nur, weil er dachte, vielleicht dadurch dem Städtchen näherzukommen, beschloß er, den Berg zu besteigen, der direkt ans Zentrum grenzte.

Mit jedem Schritt, der ihn näher zum Aufgang führte, wuchs in ihm das Bewußtsein, etwas Wichtiges, beinahe Hochoffizielles zu tun, eine Überzeugung, die seinen Bewegungen etwas Zeremonielles verlieh, was ihn wiederum in seiner Haltung bestärkte. Solies überließ sich gerne solchen aus sich selbst schöpfenden Aufmunterungen ohne sich an deren Zirkelcharakter zu stören. Schon früher, wenn er kleine, völlig unbedeutende Erkundungen angestellt hatte, weidete er sich an dem hoheitsvollen Gepräge, das all seinen Handlungen innewohnte. Soweit es diese Stadt betraf, fühlte er sich wie von einer geheimen Kamera begleitet, die jeden Schritt, jedes Wort und jede Geste von ihm einfing. Selbst sein Schweigen. Auch jetzt, als er auf den Serpentinenweg einbog, spürte er dieses imaginäre Auge, das voller Hochachtung auf ihm ruhte. Wie fest schien doch bereits hier sein Schicksal mit dieser Stadt verknüpft, die ihm so viel zu geben hatte, daß er augenblicklich bereit war, alles, was er in Zukunft erreichen würde, mit ihr zu teilen, selbst seinen Ruhm. weiter lesen

Tiefoben

im Lichtbogen der Zeit
stehen unsere Uhren auf Abruf bereit
Gebannt im Netzwerk der Ekstasen
erfüllt sich Dasein in der Endlichkeit
Doch dreifach ist der Schritt der Zeit
nur hier auf Erden oder in entfernten Welten
dort, wo andere Limits gelten –
sprich! das Gesetz der Ewigkeit?

In Anwendung der charakteristischen Merkmale irdischer Jahreszeiten auf das menschliche Gemüt mag die Frage erlaubt sein, welche Jahreszeit am ehesten über Kanzlereigenschaften verfügt. Es erscheint zunächst unfair, die Jahreszeiten gegeneinander ausspielen zu wollen, doch es geht hier nicht um Sieger und Verlierer. Taugt die eine Jahreszeit zum Reisen, ist die andere für die Arbeit wie geschaffen. Und wer könnte schon reisen ohne zu arbeiten? Oder wachen (Sommer) ohne zu schlafen (Winter). So wie der Priester vom Gläubigen abhängt, braucht der Arzt den Patienten oder der Unternehmer die Putzfrau. Hierbei ist es völlig gleichgültig, daß es mehr Putzfrauen als Unternehmer gibt. Die Einführung von Rängen ist eine Erfindung des Menschen, und da das eine ohne das andere unmöglich ist, spielen Zahlen keine Rolle. Schließlich hat jeder Kanzler einen Frisör. Und so wie es nur einen Kanzler geben kann, so kann auch nur ein einziger Mensch Frisör des Kanzlers sein. Allein die Frage bleibt: Welche Jahreszeit kann nun Kanzler werden?

Viel spricht für den Sommer, allem Anschein nach die beliebteste Jahreszeit. Doch wenn der Sommer wirklich so beliebt ist, warum sind es dann gerade die Sommermonate, in denen die Menschen unser Land in Scharen verlassen? Sie mögen zwar den Sommer, aber wohl kaum im Zusammenhang mit dem Land, für das der Kanzler steht. Außerdem stehen Sommer wie Winter für Extreme, der Kanzler hingegen muß diese Endpunkte überbrücken und in der Mitte stehen, womit nur noch das Frühjahr und der Herbst in Frage kommen. Und dürfte hier nicht das Frühjahr sämtliche Trümpfe in der Hand halten: Aufbruch, Neuanfang – Vorbereitung der wärmsten Zeit des Jahres. Wie keine andere Zeit steht das Frühjahr für Wandlung, Entwicklung und Erneuerung. Begriffe, die den rechten Rahmen geben, aus dessen Zentrum ein jeder Kanzler vergnügt nach vorne blickt. Im Herbst hingegen verfärben sich die Blätter an den Bäumen, bevor sie dann abfallen. Diese Jahreszeit, der Vorbote des langen Winters, steht für das Sterben schlechthin. Und wenn der Winter – über den man, soweit es um denn Kanzler geht, nur soviel wissen muß, daß er in der Rangliste der Kandidaten den letzten Platz einnimmt – ein Freund des Herbstes ist, muß dann nicht auch der Herbst nah beim Winter und damit an vorletzter Stelle stehen?

Dies alles scheint logisch, weil es so einfach ist. Doch schauen wir uns die beiden Jahreszeiten noch einmal genauer an. Mit der steigenden Lichtintensität des Frühlings werden die Glücksstoffe Serotonin und Dopamin vermehrt ausgeschüttet, was zwar ein allgemein besseres Befinden bewirkt, jedoch auch eine leichte Euphorie erzeugen kann. Ferner verstärkt die Frühjahrszeit den Wunsch nach einem Partner bei den meisten Menschen auf eine bisweilen fast animalische Weise. Gegenläufig zu dieser Entwicklung stellt sich bei manchen Menschen die Frühjahrsmüdigkeit ein, deren genaue Ursache bislang ungeklärt ist. Somit steht das Frühjahr auch für eine gewisse Unbeständigkeit. Nicht umsonst sprechen unsere Dichter vom Lenz des Lebens (die Jugend). Und wer im DUDEN nachschlägt, stößt auf folgende Hinweise: «einen sonnigen/schönen/ruhigen/faulen usw. Lenz haben» bzw. schieben, kurz: «ein angenehmes, bequemes Leben bzw. eine leichte, bequeme Arbeit haben.» Nein, das können wir unserem Kanzler nicht zumuten. Das Frühjahr, soviele gute Eigenschaften es auch in sich vereint, es darf nicht Kanzler werden, zu stark kooperiert es mit Elementen, die einer erfolgreichen Kanzlerschaft abträglich sind, mit den Elementen der Ausschweifung und des Wankelmuts nämlich. Damit steht fest: Der Herbst muß es richten. Er muß Kanzler werden.

Doch dieser Befund ist nicht nur dem kalten Gesetz der Ausschlußdiagnose geschuldet, wir hätten auch auf anderen Wegen zum Herbst kommen können; in näherer Betrachtung dieser Jahreszeit wissen wir auch warum. Wie wir bei unserem so geliebten Internet-Lexikon Wikipedia erfahren, ist das «Wort Herbst verwand mit engl. harvest, lat. carpere (= pflücken, Ernte) und griech. karpós (Frucht, Ertrag.) Es kommt von indogerm. sker (= schneiden). Ursprünglich bedeutete Herbst [also] ‹Zeit der Früchte›, ‹Zeit des Pflückens›, ‹Erntezeit›». Und wer anders als der Kanzler sollte als Repräsentant dieser wichtigen Zeit die Dinge richten und, wenn man bedenkt, daß im Herbst die Umstellung der Uhrzeit von der Sommer- (Menschenzeit) auf die normale (göttliche) Zeit vorgenommen wird, das Richtige vom Falschen scheiden? Es geht um nicht weniger als um das Ganze: zur Ewigkeit zurückzufinden. Und das kann nur der Herbst wie uns der Leutnant, ein Freund der Familie, gestern in Versform bestätigen konnte:

Kurz vor Ewigkeit
[Sonnenuntergang/Herbst-Winter]

Ein letzter Schein noch nicht im Grund verborgener Helle
über die das Band des Dunkels wie verschwebend sich zum Ganzen schließt
hebt noch im Sturz die Glut des Tages hoch zu jener Stelle
wo unter einem sanften Schimmer Gruß und Abschied ineinander fließt.

Und wo in fein gespannter Anmut Herbst und Winter zueinander flieht
hebt bald im Sturz ein Schein noch nicht im Sein verborgener Helle
die Glut des Jahres herab zu jener zeitlos ewig unerreichten Stelle
an der das Band des Himmels wie verschwebend sich zur Gänze schließt.

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