Mark Rinasky

Kommentare – Wahnsinn – Links. Alles in Echtzeit.

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Tränenachsen bluten hinüber ins dunklere Tal
Auf dem Kirchhof umarmt ein Weib das andere
Ein kleines Meer umspült die Stadt
Ein böser Zauber tritt aus alten Bildern

Schon erlischt die Nacht in helleren Gefilden
Neigt sich ein ganzes Land im Schlaf
Und auf einer Stirne sanft und weise
Stirbt ein ganzes Heer verzückt im Kreise.

ENDSTATION

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Widerstand ist zwecklos. Der Kampf, der nie einer war, ist entschieden. Man hätte sich wehren können, als noch Zeit dazu war. 1990, 2000, 2010. Doch das Volk, das nicht ein einziges Gedicht von Schiller aufsagen kann, hat jeden Quatsch mitgemacht: Vom Kruzifix-Urteil bis zum Gender-wahn, von der Zersetzung des Mann/Frau-Schemas bis zum Bruch der Respekt-Schranke zwischen Alt und Jung. Auf keiner einzigen Party, die wir in all den Jahrzehnten besucht haben, wurde Bach oder Schubert gespielt. Und keine einzige Frau heißt noch Roswitha. Die meisten Menschen, denen wir begegnen, kennen nicht einmal fünf Traditionsgerichte. Und wenn ich den Namen Caspar David Friedrich erwähne, wird gelacht. Überhaupt wird über die Namen unserer Großväter gelacht.
Auch über Nietzsche wird gelacht.
Oder über Heidegger.

Nicht mehr lange.

Und wenn kein Stern am Himmel steht …
Wenn die See nur noch Ebbe trägt …
Und meine Geliebte die halbe Welt umküßt:
Ich bleibe bei WhatsApp!

WELT IM HERBST


Eine Macht-Clique, die so effizient weltumspannend durchregiert, daß sie die Staatsführungen fast aller Länder zu Maßnahmen gegen das eigene Volk synchron verführt, kann nicht mit weltlichen Mitteln niedergerungen werden.

Das Hauptproblem, das schon auf nationaler Ebene sichtbar wird, scheint darin zu liegen, daß die Elite organisiert ist und einig in dem einen Ziel, das Volk zu unterwerfen, während das Volk kein wirkliches Ziel hat, sondern sehr viele, oft widerstreitende. Und das Volk hat erst recht keine Organisation, sondern ist vielfältig zersplittert; man mißtraut und bekämpft sich gegenseitig. Und wenn sich Gruppen organisieren, kann das der Elite nie verborgen bleiben, so daß sie entsprechend schnell reagiert. Das Volk hingegen weiß nicht, was die Elite plant, beschließt und will; es weiß nicht, was die Elite denkt, es weiß nicht einmal wer die Elite ist. Es ist ein ungleicher Kampf.

a p r i l w ä r t s

Der «rasende Stillstand» einer tiefbehinderten Zeit, in der sich alles im allerkleinsten Kreise drehte, gaukelte eine Normalität vor, die alles Größere erdrückte. Jetzt sind die Dinge, wenn auch negativ gewendet, wenigstens im Lot. Deshalb ist es auch so ungemein gemütlich, oder?

Nach vier Tagen Twitter-Maraton.

Das Werkzeug des Relativismus: Sprache als Mittel zur Distanz

Hin und her getrieben vom Widerstreit der Meinungen, der durch die Herrschaft der Stärkeren bestimmt wird, scheint die Moderne ihren moralischen Kompaß zu verlieren. Die Privatisierung der Wahrheit hat zur Tyrannei von Denkmoden und einer falsch verstandenen Toleranz geführt, das Absolute wurde zur Verhandlungssache herabgestuft, und Erkenntnis ist zum Spielball der Beliebigkeit geworden. Schon wer die Frage nach der Wahrheit stellt, gilt heutzutage als Sektierer. Doch Wahrheit und Freiheit gehören untrennbar zusammen.

Repressiver Moralersatz: Die Tyrannei der Toleranz

Kern des neuen Demokratieverständnisses ist die Doktrin, auf jeglichen Wahrheitsanspruch zu verzichten, um ein Abdriften in die Willkürherrschaft zu vermeiden. Es wird behauptet, daß unbedingte Überzeugungen intolerant sind, weil sie andere Überzeugungen für falsch halten. Dieser neue Begriff von «Toleranz» verbietet es, Überzeugungen zu haben, «weil diese per definitionem intolerant sind» (Spaemann). «Damit kippt der ganze Wertekanon», denn die wahre Toleranz respektiert Überzeugungen, während das vorgeschobene Toleranzverständnis den Anspruch auf Liberalität verhöhnt, indem es den Begriff, mit dem es vordergründig punktet, ad absurdum führt: die Tyrannei der Toleranz ist der Inbegriff der Intoleranz. weiter lesen

Unser Klassenlehrer, Herr K., gehörte zu den wenigen Lehrern, die einen Anzug trugen. Er fehlte nie, war immer pünktlich, und es schien, als wachte er mit gewissenhafter Strenge nicht nur über seine Schüler, sondern vor allem über sich selbst. Jedenfalls war das unser erster Eindruck. Doch schon sehr bald stellte sich heraus, daß Herr K. einen Nervenarzt hätte aufsuchen müssen: seine Wutanfälle hatten etwas Pathologisches.
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Unberechenbar

Wir haben uns oft gefragt, wie ein einziger Mensch soviel Groll in sich versammeln kann; im Klassenraum spielten sich schier unglaubliche Szenen ab: Wenn Herr K. einen seiner Anfälle hatte, flogen auch schon einmal Kugelschreiber und Bücher durch die Gegend. Gebrüllt wurde jede zweite Schulstunde, in besseren Zeiten nur einmal pro Woche; dann aber so laut, daß wir manchmal dachten, der Mann müsse gleich sterben. Dabei war es vollkommen unmöglich, seine Anfälle vorauszusehen, bisweilen genügte ein nichtiger Anlaß, um ihn aus der Bahn zu werfen. Würde er irgendwann womöglich zuschlagen? Oder tatsächlich im Klassenzimmer sterben? Wir hatten Angst um/vor ihm.

Rebellion

Um die Hilflosigkeit, mit der wir dem Treiben unseres Klassenlehrers ausgeliefert waren, besser zu ertragen, rebellierten wir, und unsere Rebellion nahm im Verlauf der beiden Schuljahre, wo Herr K. unsere Klasse führte, nahezu groteske Formen an. Eine ganze Tube Alleskleber wurde auf dem Lehrerpult ausgedrückt, Vorhänge wurden abgerissen, sogar Schränke verschwanden. Im Klassenbuch fehlten ganze Wochen. Einmal, Herr K. hatte gerade einen neuen Wagen gekauft, gaben wir eine Anzeige in seinem Namen auf – mit Angabe seiner Privatnummer: Notverkauf. Es war ein Mitsubishi Galant. Am nächsten Tag, kaum hatte uns Herr K., irgendetwas auf die Tafel schreibend, den Rücken zugekehrt, rief jemand mit verstellter Stimme flüsternd aber doch deutlich hörbar: «Mitsubishi!» Anschließend riefen sogar mehrere Mitschüler gleichzeitig. Unser Vorgehen war nicht ungefährlich, denn von den Noten hing viel ab. Doch das Bedürfnis, sich gegen die Zustände aufzulehnen, entzog sich dem Verstand: Es war eine Notwendigkeit.

Zerstörung

Das Mitsubishi-Ritual haben wir über viele Monate durchgezogen – mit einer Leidenschaft, die mich heute erstaunt. Man hätte glauben können, es sei unser Ziel gewesen, Herrn K. ins Krankenhaus zu bringen. Das Beängstigende war, daß wir es schafften, uns von Monat zu Monat zu steigern. Dabei war es nicht einmal Haß, den wir für diesen Menschen empfanden, auch keine abgrundtiefe Verachtung, er tat uns sogar leid, und doch war es uns nicht möglich, den Konflikt auf andere Weise auszutragen: Wir mußten den Unterricht zerstören. Es war wie ein Zwang. Eine Sucht. Waren wir auch krank geworden?

Kampf

Einmal habe ich mitten im Unterricht die FAZ aus der Tasche gezogen, sie vor mir ausgeklappt und gelesen. Es war eine Mutprobe. Daß Herr K. ausrasten würde, war klar. Die Frage war nur, konnte ich es schaffen, seiner mit Brüllstimme dahin schmetternden Aufforderung, die Zeitung wegzulegen, so lange zu widerstehen, bis er handgreiflich werden würde, und sei es auch nur in der Weise, daß er mir die Zeitung aus der Hand riß? War ich mutig genug, um dem Wahnsinn zu widerstehen? Ich hielt durch, allerdings nicht so lange wie ich erhofft hatte. Nach mehrmaliger Aufforderung, das Blatt endlich wegzulegen, kam Herr K. schreiend, außer sich vor Wut näher. Mitschüler berichteten mir später, sie hätten einen Schäferhund gesehen.

Finale

Nur eine Armlänge trennte mich noch von ihm. Plötzlich hob ich meinen Blick weg von der Zeitung und sah ihm direkt in die Augen. Immerhin war ich Klassensprecher, und es ging nun nicht nur um meine, sondern um die Würde der ganzen Klasse. Doch das Risiko, daß der Mann, der sich offenbar nicht mehr unter Kontrolle hatte, handgreiflich werden würde, erschien mir plötzlich zu groß. Wie konnten wir die Aktion abbrechen und doch siegen? Ich handelte instinktiv und tat erst einmal nichts, vier, fünf Sekunden vielleicht. Eine Grabesstille brachte den Raum zum Beben, die Anspannung war aufreizend und von einer Intensität, die für alle etwas Belastendes hatte; ein regelrechtes Vakuum wie vor einer Explosion baute sich auf. Unsere Blicke waren starr, unbeweglich – geradezu aneinander gekettet. Nach wie vor hielt ich die Zeitung in den Händen. Schließlich brach ein letzter Moment harten Schweigens an, jedes Nebengeräusch in sich aufsaugend. In dieses Schweigen hinein purzelte jetzt das Knistern der Zeitungsblätter, die ich langsam, wie in Zeitlupe, ja bewegungslos fast, aber voller Hingabe zusammenfaltete und schließlich so ordnete wie sie waren, als ich die Zeitung gekauft hatte. «Mitsubishi!»

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