Archiv der Kategorie: LITERATUR

UFO-fragmente

EIN GESPENSTISCHER TREFF (Teil 1)

Kosmischer Schnitt. Berger und ich – man könnte uns für Freunde halten. Wir sitzen in der Küche und erörtern eine Frage von zentraler Bedeutung: die Frage, welche Person das Haus bei Bewußtsein und welche Person das Haus im Sarg verlassen wird, das heißt, um genau zu sein: welche Personen das Haus im Sarg verlassen werden. Die Frage bereitet uns nicht nur im Hinblick auf die Grammatik Probleme. Schon die Frage selbst ist ein Problem. Ist sie überhaupt zulässig? Natürlich weiß Berger, daß meine Bereitschaft, auf eine Frage einzugehen, deren Zulässigkeit nicht geklärt ist, und im Namen dieser Frage einen Dialog zu führen, in Anbetracht der Umstände, die für sich sprechen, an ein Wunder grenzt – „Bravo!“ –, schließlich trage ich für die Problematik, inwieweit die Frage zulässig ist oder nicht, weder die Verantwortung noch fällt eine solche Frage, selbst wenn sie zulässig wäre, in meinen Zuständigkeitsbereich; nichts wäre daher für mich leichter, ja ratsamer, als der Gefahr, meine Kompetenzen zu überschreiten und dem Risiko, die ursprüngliche, Franklin und Catherine betreffende Problematik auf mich zurückspringen zu lassen, dadurch zu entgehen, daß ich die Frage einfach streiche, womit sämtliche Probleme, also auch die fiktiven, verschwinden würden – für mich. Lasse ich die Frage hingegen zu, taucht nicht nur das Problem, inwieweit die Frage zulässig ist, auf, sondern ein ganz anderes Problem: nämlich das Problem, das mein Gast, also Franklin hat. Hand aufs Herz: Weshalb soll ich mich mit Problemen belasten, die nicht mich, sondern andere, in diesem Fall Artisten betreffen?

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UFO-fragmente

ANKUNFT

Avus – Rathenauplatz – Kurfürstendamm – Meinekestraße – Mark-Hotel – Abendessen – Telefonat (Tom Wagner) – Zitat (Brockhaus-Enzyklopädie):

„Der Kern Berlins liegt im eiszeitlichen Warschau-Berliner Urstromtal, das die Spree bis zu ihrer Mündung in die Havel benutzt, an einer engen Stelle, an der trockene Talinseln den Übergang zwischen den Grundmoränenplatten des Barnim und des Teltow ermöglichen.“ Urstrom & Eiszeit.

Kurz nach zehn: Empfang Pro Sieben. Gepäck: 1 … 5 … 7 – helles Case, Zigaretten? Leer. Aber ich hatte Zigaretten! In der blauen Tasche vielleicht. Auch nicht. Ich verlasse das Hotel. Meinekestraße. Ich lächele mein pink Lächeln. Echos hallen. Ein Schiebewagen mit Hologramm. Neon flackert, Schriftzug RVBS? Keine Ahnung, ein verspiegelter Laden. Krankenwagen, Polizei – viel Lärm. Gefahr? Ich gehe zum Kiosk, ins Dunkel. Und weiter … Microsoft-Reklame: Neondublikat, brodelnde Finsternis – kein Preis. Regen. Eis? Schaufenster-Auslagen: Puppen, Uhren, Kandinsky-Kassetten. Nr. 158, Antiquariat – flüssiges Neon. Ich starre auf den Aufdruck „Heyne“. Allgemeine Reihe, Zahlen – weg. Rechts, links, rechts und: nette Frau. Neuromantiker-Kiosk. Ich trete ein.

Mitternacht – Neumond – Ein Juni im Dezember.

BILD

IN EIGENER SACHE
Bei einer Tageszeitung stehen bei mir Sensation, Krawall und Unterhaltung an oberster, eigentlich an einziger Stelle; keine Politik, keine Wirtschaft, keine öden Fakten. Hauptsache bunt. Hauptsache laut. Hauptsache schrill. Kurz: Hauptsache Boulevard. Und bei diesem Buchstabensalat aus Klatsch, Intrige und übler Nachrede, für den ich gerne zahle, ist es mir so egal wie nur irgendetwas auf der Welt, ob die kolportierten Meldungen auf Wahrheit, Lüge oder Irrtum beruhen; meinetwegen kann alles von A bis Z erfunden und erlogen sein. Wichtig ist nur: Spannung, Fun und Action. DRECK. Das ist der Grund, weshalb ich mich mit BILD in der Öffentlichkeit zeige, das ist der Grund, weshalb ich BILD abonniert habe. Das ist der Grund, weshalb ich mich freue! Verbindlich für ein Jahr fest und für satte 27 Euro im Monat.
Dieser Text ist kein Trick.
PEACE!

2019

Offline auf Kurs

Was haben wir jetzt? App, Netz, Chat. Kein Handschlag, kein Zwinkern. Kuß unbekannt. Haben wir uns verloren? Hat uns die Technik eingeebnet?
Wir wissen, wir fühlen das. Aber wir können uns nicht befreien wie als ob unser Wille gelähmt ist. Unsere Flügel sind zugewachsen, weil wir den kürzesten Weg gehen wollten. Wir dachten, es reicht eine Taste. Aber die Taste reicht nur bis zum Verstand. Das Herz bleibt offline.
Gesichtloses Leben.
WIR sind nicht mehr perfekt. Wir haben unsere Perfektion abgegeben.
Wir sind offline.

Gesellschaft & Propaganda

Das Werkzeug des Relativismus: Sprache als Mittel zur Distanz

Hin und her getrieben vom Widerstreit der Meinungen, der durch die Herrschaft der Stärkeren bestimmt wird, scheint die Moderne ihren moralischen Kompaß zu verlieren. Die Privatisierung der Wahrheit hat zur Tyrannei von Denkmoden und einer falsch verstandenen Toleranz geführt, das Absolute wurde zur Verhandlungssache herabgestuft, und Erkenntnis ist zum Spielball der Beliebigkeit geworden. Schon wer die Frage nach der Wahrheit stellt, gilt heutzutage als Sektierer. Doch Wahrheit und Freiheit gehören untrennbar zusammen.

Repressiver Moralersatz: Die Tyrannei der Toleranz

Kern des neuen Demokratieverständnisses ist die Doktrin, auf jeglichen Wahrheitsanspruch zu verzichten, um ein Abdriften in die Willkürherrschaft zu vermeiden. Es wird behauptet, daß unbedingte Überzeugungen intolerant sind, weil sie andere Überzeugungen für falsch halten. Dieser neue Begriff von «Toleranz» verbietet es, Überzeugungen zu haben, «weil diese per definitionem intolerant sind» (Spaemann). «Damit kippt der ganze Wertekanon», denn die wahre Toleranz respektiert Überzeugungen, während das vorgeschobene Toleranzverständnis den Anspruch auf Liberalität verhöhnt, indem es den Begriff, mit dem es vordergründig punktet, ad absurdum führt: die Tyrannei der Toleranz ist der Inbegriff der Intoleranz. Gesellschaft & Propaganda weiterlesen

Mutation der Menschheit (Teil 1: Die virtuelle Leiter)

UNSICHTBARES LEBEN

Die Virtualität durchdringt die Realität, Erfundenes wird bedeutender als das Tatsächliche, Fiktion und Wahrheit verschmelzen. Der radikale Kulturbruch, den Internet und Computerwelt ausgelöst haben, führt zu einer Derealisierung, die eine Singularität in der Menschheitsgeschichte darstellt. Chance oder Bedrohung? Erlösung oder Fiasko?  Steht ein Epochensprung bevor?

Geschwindigkeit, Aufhebung der temporalen Schwelle (Gleichzeitigkeit), Überspringen der Realität und Verschmelzung mit der virtuellen Ebene: überall sein, total, urplötzlich und mittendrin. Immer. Grenzenlos, unüberschaubar und maßlos (zugleich stets erfassbar) ist das Universum virtuellen Erlebens, ausgedehnt und endlos die Stichwortkette, mit der Faszination und Magie einer Sphäre, für die uns die rechte Grammatik fehlt und die allenfalls auf der abstrakten Ebene eingeholt werden kann: aus nächster Nähe, allseits, unsterblich, abgrundtief wie uferlos aufstrebend; ozeanisch und doch symbiotisch, heroisch und zugleich risikofrei; bodenlos aber unverwüstlich jenseits von Zeit und Raum. Absolut? Emotionale Verdichtung, Perfektionierung der Jetzt-Zeit, Fusion von Objekt- und Subjektwelt – das alles geht Hand in Hand. Ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit? Mutation der Menschheit (Teil 1: Die virtuelle Leiter) weiterlesen

Zwei Epochen – eine Geschichte (Teil 2: Stilebene 21/22)

Hindernis auf Kurs

Raketenhaft hatte das Frühjahr einen Sommertag in die Landschaft geschoben. Das kleine Städtchen, in dem 3Max seit einigen Monaten seine Runden drehte, funkelte wie eine Spiegelscherbe im Mobiliar, und im Ensemble alltäglichen Einerleis agierten die Figuren wie aufgezogen. Uhrzeit: Mitte April.
Nach der Trennung von seiner Frau, die undramatischer verlaufen war als eine Reifenpanne um Mitternacht, hatte 3Max hier einen neuen Anfang gesucht, zuerst als Tourist, nachher als Fremder. Handicap: Autopilot. Es war schwer, diese Einstellung abzustreifen. Vielleicht würde dieser Tag eine Wende bringen. Gutes Wetter war hilfreicher als das beste Horoskop, und wenn eine ganze Jahreszeit übersprungen wurde, war das ein Zeichen. 3Max liebte Zeichen.
O-Ton: «Erlösung und Zuversicht – zwei Worte, ein Tag.» Solche und ähnliche Gedanken flatterten beständig durch die Innenwelt unseres Protagonisten, dessen bürgerlichen Namen wir diskret verschweigen, um seinen Wunschnamen zu nennen. Kurzer Schwenk: «Danke».
Angespornt vom kravallartigen Getue des Volkes, das unbeaufsichtigt durch die Sonnenstrahlen wirbelte, beschloß 3Max, eine Initiative zu schalten. Kurz vor dem Straßencafé, in dem er die meisten Vormittage verbrachte, drehte er ab in Richtung des Berges, der direkt ans Zentrum grenzte und den die Einheimischen «Hügel» nannten. Auf der Suche nach dem großen Licht in der Stadt, hatte er bislang versäumt, die Stadt selbst zu erkunden. Und die Aussicht, die der Berg bot, würde einen Anfang markieren. Pessimisten hätten hier ein Sitcom-Gelächter vernommen. Aber 3Max war Optimist. Zwei Epochen – eine Geschichte (Teil 2: Stilebene 21/22) weiterlesen

Zwei Epochen – eine Geschichte (Teil 1: Stilebene 19/20)

Das schwebende Hindernis

Überfallartig hatte sich das Frühjahr in den Morgen geschoben als wollte es den Sommer vorauseilend verdrängen. Es war erst April. Ein fiebriger Schwung hatte die kleine Stadt erfaßt, in der Solies nun schon seit ein paar Wochen wohnte. Nach der Trennung von seiner Frau hatte er hier einen neuen Anfang gesucht. Doch er fühlte sich immer noch als Tourist. Vielleicht würde das jetzt anders werden, das Versprechen von Aufbruch und Neubeginn, das in diesem Morgen lag, markierte offensichtlich einen Wendepunkt. Überall war eine neue Lebhaftigkeit spürbar, wie ausgewechselt schien das Temperament des Volkes. Spannkraft und Eifer, die den öffentlichen Raum füllten, waren geradezu ansteckend. Noch auf dem Weg zum Straßencafé, in dem Solies die Vormittage verbrachte in der Hoffnung auf irgendeine Bekanntschaft oder einfach nur, weil er dachte, vielleicht dadurch dem Städtchen näherzukommen, beschloß er, den Berg zu besteigen, der direkt ans Zentrum grenzte.

Mit jedem Schritt, der ihn näher zum Aufgang führte, wuchs in ihm das Bewußtsein, etwas Wichtiges, beinahe Hochoffizielles zu tun, eine Überzeugung, die seinen Bewegungen etwas Zeremonielles verlieh, was ihn wiederum in seiner Haltung bestärkte. Solies überließ sich gerne solchen aus sich selbst schöpfenden Aufmunterungen ohne sich an deren Zirkelcharakter zu stören. Schon früher, wenn er kleine, völlig unbedeutende Erkundungen angestellt hatte, weidete er sich an dem hoheitsvollen Gepräge, das all seinen Handlungen innewohnte. Soweit es diese Stadt betraf, fühlte er sich wie von einer geheimen Kamera begleitet, die jeden Schritt, jedes Wort und jede Geste von ihm einfing. Selbst sein Schweigen. Auch jetzt, als er auf den Serpentinenweg einbog, spürte er dieses imaginäre Auge, das voller Hochachtung auf ihm ruhte. Wie fest schien doch bereits hier sein Schicksal mit dieser Stadt verknüpft, die ihm so viel zu geben hatte, daß er augenblicklich bereit war, alles, was er in Zukunft erreichen würde, mit ihr zu teilen, selbst seinen Ruhm. Zwei Epochen – eine Geschichte (Teil 1: Stilebene 19/20) weiterlesen